Dr. Jan Mrosik
Foto: Siemens

Interviews

Automatisierung automatisieren

Dr. Jan Mrosik, der CEO der Digitalen Fabrik bei Siemens, sprach mit K&E über die Digitalisierung innerhalb des Unternehmens und seiner Kunden.

Herr Dr. Mrosik, welchen Stellenwert hat Software heute bei Siemens?

Dr. Jan Mrosik: Wir sind als Siemens im Bereich der Industrie-Software der größte und führende Spieler im Markt. Die Bereiche Software und Digitale Dienstleistungen haben in unserem Geschäft schon heute eine Größenordnung von 5,2 Milliarden Euro. Software und Digitalisierung sind Themen, die der Konzern in Summe sehr stark und systematisch vorantreibt. Wir sehen unsere Kernkompetenzen vor allem darin, dass wir die Themen Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung eng miteinander verzahnen. Das können wir deshalb, weil wir eine profunde Kenntnis von jedem dieser drei Bereiche haben.

Sie sind also auf dem Wege zum Digitalkonzern, wie er Ihrem Chef Joe Kaeser vorschwebt?

Die Digitalisierung erstreckt sich über den gesamten Konzern und ist eine gemeinsame Strategie. Die Digital Factory betreibt über ihr originäres Geschäft hinaus, für den Konzern in Summe, die Entwicklung und Vermarktung des IoT-Betriebssystems Mindsphere ihre eigenen Applikationen, sog. MindApps, die für ihr entsprechendes Produktangebot im Markt die differenzierenden Angebote sind. Dazu zählen natürlich auch Serviceangebote auf der Basis von Mindsphere. Die Plattform ist der „Enabler“ für die anderen Divisionen im Konzern.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Digitalisierung?

Im Grunde gibt es sechs Herausforderungen, mit denen sich jedes produzierende Unternehmen heutzutage beschäftigen muss.

Erstens, das Thema „Time- to- market“: Produkte müssen immer schneller auf den Markt gebracht werden. Zweitens, Flexibilität: Immer mehr Produkte werden individuell gefertigt – vom Oberklasse-Auto bis zum Adidas-Sportschuh. Letzterer wird im Internet bestellt und dann individuell in der Speed Factory gefertigt. Drittens, Qualität: Losgröße Eins darf nicht mit Qualitätseinbußen erkauft werden. Viertens, Effizienz: bei den Produktkosten, beim Engineering, den Ressourcen und der Fertigung. Fünftens, neue Geschäftsmodelle: Sie werden durch Digitalisierung erst ermöglicht und befähigen Unternehmen, sich im Markt zu differenzieren.

Und sechstens: Cyber Security, die Grundvoraussetzung in der Digitalisierung.

Wie kann Siemens seinen Kunden bei deren Digitalisierungs-Strategie behilflich sein?

Mit unserer Digital Enterprise Suite bietet unsere Division Kunden aus der Fertigungsindustrie ein breites Angebot an industrieller Software und weltweit führenden Automatisierungstechnologien. Wir helfen aber auch mit Beratung oder Implementierungs-Ressourcen, wenn das vom Kunden gewünscht wird, und begleiten ihn auf seinem Weg in die Digitalisierung auf eine umfassende Art und Weise.

Kommen wir nochmal zu Ihrem IoT-Betriebssystem Mindsphere: Wie entwickelt sich dieses?

Wir haben bereits heute mehr als 100 Applikationen von Partnern verfügbar. Bei unserer Mindsphere sind mittlerweile mehrere Hundert App-Entwickler mit an Bord. Das läuft sehr zufriedenstellend.

Anfang des Jahres gründeten Sie noch dazu die Mindsphere World ...

Ja, mittlerweile ist die Mindsphere World ein eingetragener Verein mit – inklusive Siemens – 19 Gründungsmitgliedern! Ziel des Vereins ist es, das Ecosystem auf Basis von Mindsphere weltweit bekannt zu machen. Die Mitglieder formulieren hier aber auch Anforderungen an die Mindsphere und geben uns damit ein wichtiges qualitatives Feedback. Dieses nutzen wir, um den Mitgliedsunternehmen auch künftig die richtigen Werkzeuge an die Hand geben zu können. Zeitgleich mit der Mindsphere World haben wir Mindsphere Open Space im Januar in Berlin eröffnet. Hier geben Siemens, die Bundesregierung und Partner Entwicklern und Start up‘s einen Raum, in dem innovative Applikationen im Umfeld der Mindsphere programmiert werden können.

Wenn Kunden oder freie Entwickler Applikationen für die Mindsphere entwickeln, wem gehören dann die Daten?

Die Daten der Kunden, die diese in die Mindsphere einspeisen, gehören unseren Kunden! Wir treten zu unseren Kunden nicht in Konkurrenz, das heißt, wir werden als Siemens keine Applikationen bauen, die speziell auf das Know-how eines Kunden zugeschnitten sind, der die Mindsphere nutzt. Insofern haben wir da eine ganz klare Ausrichtung: Zwar unterstützen wir unsere Kunden dabei, ihre Applikationen zu bauen oder Dienstleistungen anzubieten, wir haben aber keinen Anspruch oder technischen Zugriff auf die Daten unserer Kunden – außer der Dateneigentümer gibt uns spezielle Rechte dafür.

Wie steht es um das Thema Künstliche Intelligenz (KI)? Wie ist dieses Thema bei Siemens aufgehängt?

Das hat bei uns eine sehr hohe Priorität! Siemens hat mittlerweile konkrete Technologiebereiche, so genannte CCTs (Company Core Technologies), innerhalb seiner zentralen F&E-Abteilung definiert, die in Zusammenarbeit mit den Divisionen vorangetrieben werden.

In den Applikationen für die Mindsphere haben wir eine ganze Menge an künstlicher Intelligenz stecken. Die durch KI gewonnenen Informationen werden als digitaler Zwilling der Performance zurückgeführt in den digitalen Zwilling des Produkts und der Produktion. Die Verbesserungen, die wir über diesen Rückkopplungszyklus hinbekommen, werden in wesentlichen Bereichen durch KI erzielt.

Und KI in den Steuerungen?

Lernende Steuerungen , sehen Sie bei uns schon heute. Wir sehen eine ganze Menge Anwendungsfälle in der Automatisierung, die auf KI beruhen – Automatisierung der Automatisierung, also das automatisierte Engineering von Automatisierungsfunktionalitäten ist ein Bereich, in dem KI in Zukunft eine Rolle spielen wird. Wir werden dazu ein paar Beispiele in unserer Future of Automation-Darstellung auf der Hannover Messe zeigen. Da werden Sie beobachten können, dass wir schon sehr intensiv unterwegs sind.

Die Vernetzung von Maschinen und Anlagen birgt auch ein großes Potenzial für Hackerangriffe ...

Ich denke, dass eine große Anzahl an Firmen sich der Gefahren nicht bewusst ist, die mit Konnektivität nach Außen einhergehen können. Deshalb ist es wichtig, hier das Bewusstsein für mögliche Gefahren zu schaffen. Jeder muss sich damit auseinandersetzen und vorbeugende Maßnahmen erarbeiten. Für uns hat Cyber-Security allerhöchste Priorität. Daher hat Siemens gemeinsam mit acht Partnern aus der Industrie auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine gemeinsame Charta für mehr Cybersicherheit unterzeichnet. Die „Charter of Trust“ fordert verbindliche Regeln und Standards, um Vertrauen in die Cybersicherheit aufzubauen und die Digitalisierung weiter voranzutreiben.

Herr Dr. Mrosik, welchen Raum nimmt die Additive Fertigung (3D-Druck) in Ihrer Division ein?

Siemens ist der weltweit führende und einzige Anbieter von integrierten Software- und Hardwarelösungen für jede Phase der Wertschöpfung beim Bau wie bei der Anwendung von Additive Manufacturing (AM)-Maschinen. Wir betreiben außerdem insgesamt über 50 3D-Druckmaschinen, darunter die für die Brennerspitzen in unserer eigenen Gasturbinenfertigung, und kennen diese Thematik somit auch von der Anwenderseite her. Unser Lösungsportfolio, die Digital Enterprise Suite, unterstützt somit nicht nur traditionelle Produktionsverfahren, sondern auch diese neue Technologie über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg: Von einer integrierten CAD/CAM/CAE-Lösung über die Automatisierungstechnik bis hin zur Mindsphere. Damit bieten wir den Maschinenbauern und Anwendern schon heute die Möglichkeit für einen schnellen Übergang von der Prototypen- und Kleinserienproduktion mit Einzelmaschinen hin zur voll industrialisierten Serienproduktion.

Da fehlt nur noch ein 3D-Druck-Marktplatz?

Dazu werden wir auf der Hannover Messe unsere Additive Manufacturing-Plattform vorstellen, auf der wir alle Marktteilnehmer – vom Hersteller der Materialpulver, Maschinenbauer, 3D-Druck-Betreiber und Abnehmer der gedruckten Produkte zusammenbringen wollen und das geballte Know-how dieses Ecosystems zur Verfügung stellen.

Erik Schäfer

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