Siemens arbeitet mit über 50 Maschinenherstellern zusammen, u.a. mit Cead aus den Niederlanden (Leichtgewicht-Roboter-Extruder). Ihr „Roboterdrucker“ (mit Comau NJ60-2.2-Roboter) wird mittels Sinumerik Run My Robot/ Direct Control-Steuerung gesteuert
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Software

Die Lücke zur Additiven Fertigung schließen

Wie Siemens ihr Portfolio rund um das Thema Additive Fertigung vervollständigen möchte, zeigte das Unternehmen auf der Formnext 2019.

Auf der Formnext 2019 (internationalen Messe für Additive Fertigung (3D-Druck)) zeigte Siemens, wie ernst es ihnen mit seinen Aktivitäten im Bereich der Additiven Fertigung ist: Auf dem Messestand sowie der Pressekonferenz wurde dies spürbar und hörbar.

Noch vorhandene Lücken schließen

Wenn Konzernchef Joe Kaeser das große, träge Schiff Siemens in agile Schnellboote verwandeln wollte, dann scheint ihm das beim Thema Additive Manufacturing durchaus schon gelungen zu sein. Auf dem Siemens-Messestand auf der Formnext wurde dies deutlich sichtbar. So setzt der Konzern stark auf Partnerschaften und schließt die wenigen Lücken des Softwareportfolios zügig.

Der Anspruch: durchgängige Softwarelösungen, von der Planung, über die Fertigung, bis hin zur Nachbearbeitung und dem Vertrieb des fertigen Bauteils.

Auf dem Beschleunigungsstreifen: Wichtige Akquisitionen für Softwareoptimierungen

Um das Softwareportfolio in Sachen Additive Fertigung noch runder zu machen, verkündete Siemens auf der Formnext gleich zwei wichtige Akquisitionen:

  1. die Firma Atlas 3D (Cloudbasierte Simulationssoftware) sowie
  2. das Unternehmen Multi-Mechanics (Software für den digitalen Zwilling des Werkstoffs)

Mit der Cloudbasierten Simulation, wie sie Atlas 3D mit der Software Sunata bietet, soll sich die Simulationszeit um bis zu 95 % reduzieren lassen. Die Software von Multi-Mechanics untersucht die Mikriostruktur jedes Werkstoffes, wie sich diese beim 3D-Druck verhält und auf die Bauteilstruktur insgesamt auswirkt. Interessant ist dieses Wissen für die Entwicklung neuer, 3D-druckbarer Werkstoffe. Hier verspricht das Unternehmen bis zu 40 % Zeitersparnis bei der Werkstoffneuentwicklung und -Zertifizierung.

Auch die eigenen Produkte wurden optimiert

Doch auch die eigene Software hat eine Weiterentwicklung erfahren: Mit AM Build Simulation sollen nun auch mögliche Druckfehler von vorneherein ausgeschlossen werden. Mittels des digitalen Zwillings des zu druckenden Bauteils geht das Schritt für Schritt von der Original-CAD-Datei, über das Meshing/Slicing (also das Zerlegen des geplanten Werkstücks in druckbare 2D-Schichten) sowie die Ermittlung des mechanischen und thermischen Verzugs, sodass dann die ermittelten Einflüsse in eine kompensierte CAD-Datei umgerechnet werden kann, die als Grundlage für einen optimalen, verzugsfreien Druck dient.

Und noch ein Ass hatten die Softwerker im Ärmel: Den NX Path Optimizer, ein Softwaretool für die Produktionsplanung (Simulation), das bei drohender Überhitzung den Druckprozess anpasst, indem es Laserwege und Prozessparameter schnell neu berechnet und korrigiert. Damit können laut Siemens Fehlstellen (Lunker etc.) schon während des Druckens ausgeschlossen werden.

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Mit dem NX Path Optimizer sollen sich Fehlstellen während des Druckens reparieren lassen. Er ist eine der neuen Möglichkeiten, mit der Siemens ihre Lücken in der Additiven Fertigung schließen möchte.

3D-Druckzentren erfolgreich planen und umsetzen können

Zudem wurde noch eine interessante Siemens-Dienstleistung samt Software vorgestellt. Der Konzern nannte dazu gleich zwei Partner, bei denen dieses Lösungspaket (der digitale AM-Fabrikbaukasten bzw. das AM Factory Planning Kit zusammen mit einer Consulting-Leistung) erfolgreich zum Einsatz kam: HP und EOS. Diese beiden 3D-Drucker-Hersteller nutzten das AM Factory Planning Kit, um ihre neuen 3D-Druckzentren zu planen. Das Angebot des Siemens IoT Service Consulting ist genau für die Fabrikplanung von 3D-Druck-Zentren ausgelegt und hilft den Unternehmen in der Planungsphase die zukünftige Fabrik zu optimieren – von der Aufstellung der 3D-Drucker bis zum Materialfluss, vom Pulverwerkstoff bis zum fertigen Werkstück.

Viele Standorte rund um das Thema Additive Fertigung

Siemens selbst betreibt in Finspang (Schweden) und in Worcester (England) bereits zwei eigene 3D-Druckzentren in denen Serienbauteile gedruckt werden, zum Beispiel Gasbrennerdüsen für große Ringgasbrenner oder Bauteile für die Luft- und Raumfahrt oder den Automobilbau. In Charlotte (USA) ist Siemens mit einem Forschungs & Entwicklungszentrum mit eigener Prototypenfertigung vertreten und seit dem 19. Oktober 2019 nun auch mit einem Innovations- und AM Application-Center in Orlando (USA). Mit der Erfahrung und dem Wissen aus seinen eigenen AM-Standorten bietet Siemens zudem Schulungen in Sachen Additive Fertigung an.

Ein neues Netzwerk für Zusammenarbeit

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Die Eröffnung des Additive Manufacturing Network hat Siemens auf der Formnext bekanntgegeben.

Highlight der Pressekonferenz war aber sicher die Vorstellung des Additive Manufacturing ­Networks (AM-Netzwerk). Hintergrund dieses neuen Cloud-basierten Netzwerkes ist laut Siemens: „Die Förderung der Zusammenarbeit und Prozessentwicklung zwischen Ingenieuren, Einkauf und Lieferanten von 3D-Druckteilen.“ Hier kam dem Konzern wieder die eigene Fertigungskompetenz in Sachen Additive Fertigung zugute, denn in der Pilotphase waren neben Siemens Gas & Power auch ­Siemens Mobility involviert. Externe Pilotpartner waren unter anderem die Unternehmen Decathlon (die bisher rd. 200 3D-Druckbauteile pro Jahr orderten und inzwischen über 13.000 Stück), HP und Materialise. Mit dem AM-Netzwerk vernetzt Siemens Käufer und Anbieter von 3D-Druckbauteilen. Ob durch die genannten Akquisitionen, Softwareverbesserungen, Unternehmens-Partnerschaften oder das AM-Netzwerk – all diese Schritte beschleunigen Siemens Engagement in der Additiven Fertigung weiter.