Turck-Geschäftsführer Christian Wolf brachte Strategien, Kooperationen und Zahlen in einen globalen Zusammenhang. Obwohl 2019 erstmalig in rund 10 Jahren kein Umsatzrekord erreicht wurde, blickt das Unternehmen positiv auf 2020 und steckt sich neue Ziel
Foto: Erik Schäfer

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Erstmals kein neuer Rekordumsatz bei Turck

Obwohl Turck erstmals seit langem kein Umsatzrekord vermelden kann, blickt das Unternehmen positiv in die Zukunft. Die Ziele für 2020 sind klar definiert.

Zum ersten Mal seit rund 10 Jahren konnte Christian Wolf auf der Pressekonferenz am 13. November 2019 von Turck keinen Umsatzrekord vermelden. Doch von schlechter Stimmung war bei der Veranstaltung in der Vertriebs- und Marketingzentrale in Mülheim a. d. Ruhr keine Spur. Das Unternehmen klärte Fachjournalisten über ihr vergangenes Jahr auf sowie über die Ziele für 2020 auf.

Kein Rekordumsatz: die Zahlen zu 2019

Auch Turck wurde im Jahr 2019 leicht ausgebremst – und wie Christian Wolf resümierte: „Auch wir als ein Unternehmen mit einer bestimmten Größe können uns nicht von den weltpolitischen und konjunkturellen Marktgegebenheiten abkoppeln.“

Dass Turck zu rund 30 % im Automotive-Bereich aktiv ist, hat der Bilanz zumindest nicht gut getan. Am Ende bleibt eine negative Drei bei der prozentualen Umsatzwachstumsbilanz stehen, in Zahlen: Rund 640 Mio. EUR Umsatz erwartete das Unternehmen in 2019. Ein Jahr zuvor, 2018, wurde noch der Rekord von 660 Mio. EUR erreicht. Verschmerzbar, zumal die Turck-Gruppe in den letzten Jahren im Schnitt über 7% wuchs und gerade in den letzten beiden Jahren wahre Umsatzsprünge im zweistelligen Bereich vermelden konnte.

Verschiedene Aspekte spielen eine Rolle

„Die Gründe sind vielschichtig. Die Automobilindustrie ist in Europa nur im niedrigen einstelligen Bereich gewachsen, ansonsten gab es nennenswertes Wachstum vor allem in Brasilien, China und Indien. Wir sind automobilnah und unsere Regierung hat auch alles dazu getan, unser Industrieflaggschiff (das Automobil mit Verbrennungsmotor) platt zu machen, bevor die E-Mobilität überhaupt greift“, ließ es Christian Wolf nicht an Deutlichkeit fehlen. Ein Thema, bei dem wir in Deutschland noch immer diskutieren statt handeln, ist die notwendige Ladeinfrastruktur für die E-Mobilität. Doch das ist nur eine Seite der Medaille, denn die Dollarstärke „der US-Dollar hat in letzten 12 Monaten zugelegt gegenüber jeder anderen Währung“ hat nach der Währungsbereinigung einige Zahlen negativ beeinflusst. Doch wo ein Schatten da ist auch Licht: „Der starke Dollar ist für die USA auch ein Problem, denn Europa wird damit günstiger“, konstatiert Christian Wolf und weiter: „Wir machen einen Sidestep und bleiben fast auf dem Niveau von 2018 – leicht darunter, um 3 Prozent.“ Bei der Zahl der Mitarbeiter hat Turck das Niveau weltweit mit 4650 fast unverändert gehalten. In Deutschland sind es derzeit 2170 Mitarbeiter.

Umfangreiche Veränderungen sind im Gange: Drei Produktions- und Logistik-Hubs und ein neuer Geschäftsführer

Weiterhin investiert Turck im Ausland kräftig, zum Beispiel am Standort Polen, in dem zukünftig Steckverbinder für den europäischen Markt gefertigt werden sollen (bisher nur in Mexiko und China). Turck passt damit seine Strategie 2020 an die Gegebenheiten an, die Industrie 4.0 und IIoT verlangen: Schnelle Lieferfähigkeit überall auf der Welt. Daher wird es drei Fertigungs- und Kompetenz-Hubs mit entsprechenden Lager- und Logistikkapazitäten geben: In Polen, in China und in USA/Mexiko.

Die Entwicklung bleibt im Wesentlichen in Deutschland. In diesem Zuge stellte Christian Wolf auch gleich den neuen Geschäftsführer Produktion & Entwicklung vor, Michael Gröbner. Er hat langjährige Führungserfahrung und ist laut Wolf ein „echter Management-Profi“.

Auf dem Wege zur „Digital Automation Company“

„Schon vor 10 Jahren haben wir begonnen, uns vom Komponenten- zum Lösungsanbieter zu entwickeln. Es geht darum, die einheitliche Plattformstrategie weiter auszubauen. Damit kommen wir schneller zur Produktentwicklung. Wettbewerbsfähig zu sein, bedeutet „design to cost“ zu beherrschen. Die Vision von Turck: Wir kommen aus der Sensorik, sind dann in die IO-Welt gegangen, und heute sind wir ein führender Steuerungsanbieter in bestimmten Märkten (dezentral, IP 67). Bei unseren Cloud Solutions aber sind wir offen für andere Cloud-Lösungen. Neben klassischer Hardware sind auch Software und Digital Services unser Thema. Dezentrale Automatisierung und modulare Automation sind die Zukunft! Sie sind die Beschleuniger für unser Geschäft Industrie 4.0“, so Christian Wolf und er stellte klar: „Es muss um Use Cases gehen, die dem Kunden Mehrwert bringen, sprich, ihm einen finanziellen Nutzen bringen. Das hebeln auch Themen wie Industrie 4.0 oder IIoT nicht aus. Die Kombination aus Hardware, Software und Service ist ausschlaggebend. Wir sind ein klassischer Automatisierer und in den Bereichen Fabrik-, Prozess- und Logistikautomation (seit 4-5 Jahren) aktiv. Wir sind zwar ein deutsches Unternehmen, machen aber 80 Prozent des Geschäftes außerhalb von Deutschland – 65 Prozent sogar außerhalb von Europa. Bisher senden wir rund 80 Prozent der Elektronik aus Deutschland in die Welt. Die Kernkompetenz der Elektronik bleibt in Deutschland, doch die Leiterplattenbestückung gehört nicht dazu. Es geht darum, schnell zu sein, gerade im asiatischen Markt. Das bedeutet, dass wir einen deutlich verringerten interkontinentalen Warenverkehr wollen. In 3 bis 4 Jahren möchten wir einen kontinentalen Wertschöpfungsanteil von 70 Prozent erreichen.“ Für die Umsetzung dieser Ziele will das Unternehmen die Themen Digitalisierung und Vertikalisierung für die Turck-Gruppe weltweit voranbringen.

Raus aus der Komfortzone

Dann griff Christian die Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung auf, die natürlich auch Turck massiv beschäftigen: „Es gibt da drei Kernelemente: Sie können nicht alles allein machen, daher müssen Sie kooperationsfähig sein. Ein weiterer Punkt ist die Wertschöpfung durch smarte Daten. Daher haben wir 2017 Vilant Systems übernommen. Dieser Unternehmenszweig hat in diesem Jahr ein Plus von 25 Prozent erwirtschaftet. Vilant Systems bringt die Daten von der Logistik in ein ERP-System. 2018 haben wir uns dann bei der Firma Beck Cloud-Technologie eingekauft, um in das Thema Cloud-Dienste einzutreten. Und seit Juni 2019 hat Turck eine Minderheitsbeteiligung an der Firma Asinco (Advanced Solutions for Industrial Control). Was uns gereizt hat, war das Know-how in der Radarsensorik und das große Software-Know-how von Asinco. Das Unternehmen hat eine extrem schnelle Produktentwicklung und tiefgreifende Kenntnisse in SPS- und Steuerungstechnik sowie gute Kenntnisse im Bereich KI für machinelles Lernen“, so Wolf zum jüngsten Kooperationspartner, einem 30-Mann-Unternehmen (rund 85 % Ingenieure aus unterschiedlichen Fachrichtungen) aus Duisburg, das von Prof. Dr. Mohieddine Jelai 2012 gegründet wurde und das er seit 2013 gemeinsam mit Dr. Dirk Zander aufgebaut hat. Spezialität des Unternehmens sind Radarsensoren (hochpräzise Radarmesstechnik für smarte Automation), die das Unternehmen seit dem letzten Jahr auch in kleinen Serien selbst fertigt.

Einsatzgebiete sind unter anderem Walzwerke, wo die Radarsensoren selbst bei Staub, Dämpfen und großer Hitze, durch Kunststoff und Beton hindurch die Brammenbreite und die Enden der Brammen exakt messen können – bevor sie zu Blechen ausgewalzt und zu Coils aufgewickelt werden. Unter diesen Umwelteinflüssen kann das kein anderes Messsystem leisten – Radar sozusagen als das exaktere Ultraschallmessen.

Foto: Erik Schäfer
Durch die Minderheitsbeteiligung an Asinco kann Turck nun auch Radarmesstechnik anbieten, mit all den Vorteilen, die diese Messtechnik bietet.

Ausblick 2020 bei Turck

„Es gibt keine Gründe, schwarz zu sehen. Wir glauben schon, dass ein Wachstum wieder möglich ist. Die Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung werden die Treiber sein. Trotz der Disruption in der Automobilindustrie und dem Brexit bleiben wir optimistisch. Wir denken, ein einstelliges Wachstum von fünf Prozent auf 670 Millionen Euro konsolidierter Gruppenumsatz ist möglich“, zeigt sich Christian Wolf optimistisch, schränkt jedoch ein: „Als großes Unternehmen sind Sie zu 85 Prozent von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig. Wir werden daher bei den Kosten sehr auf Sicht fahren und bei Einstellungen und Investitionen zurückhaltend sein.“

Übrigens: Auf die Frage, ob Turck mit der Radarmesstechnik für das autonome Fahren auch die Automobilindustrie im Fokus habe, verneinte Christan Wolf ausdrücklich: „Wir sind mit Vilant Systems sehr stark in der Logistik aktiv. Gerade in der Logistik werden vermehrt selbstfahrende Transportsysteme eingesetzt, für die die Radarmesstechnik sicher sehr gut einsetzbar wäre.“

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Dr.-Ing. ­Mohieddine Jelali, Professor für Regelungstechnik und Mechatronik, stellte sein Unternehmen Asinco vor, an dem Turck eine Minderheitsbeteiligung hält.

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