Auf dem Campus der HS Augsburg traf sich Chefredakteur Erik Schäfer mit den drei Professoren zum Gespräch.
Foto: Erik Schäfer

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Warum gehen technische Geräte oft zu früh kaputt?

Drei Hochschul-Professoren im Interview: Warum gehen viele unserer technischen Geräte zu früh kaputt? Geplante Obsoleszenz? Oder Zeit- und Kostendruck?

Warum gehen viele technische Gegenstände oft zu früh kaputt? Ist etwa geplante Obsoleszenz im Spiel? Oder ist schlicht der Zeit- und Kostendruck beim Konstruieren der ausschlaggebende Faktor? Drei Hochschul-Professoren und K&E-Chefredakteur Erik Schäfer trafen sich zu diesem ‚heiklen‘ Technik-thema in der Hochschule Augsburg zu einem ersten Gespräch.

  • Interview mit den Hochschul-Professoren Prof. Dr.-Ing. Florian Hörmann und seinem Kollegen Prof. Dr. Mont. Helmut Wieser von der HS Augsburg, Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik. Thema war die Veröffentlichung der Studie: „Geplante Obsoleszenz / Warum unsere Produkte zu früh kaputt gehen.“

  • Professor Hörmann hatte dazu seinen Aalener Kollegen Professor Dr. Christian Kreiß, Studiendekan Master IDM der Fakultät der Wirtschaftsingenieure, eingeladen, der beim K&E-Gespräch mit am Tisch saß und einige interessante Aspekte einbrachte jenseits der „Maschinenbauerbrille“.

  • Im Anhang: Die komplette Studie des Teams der HS Augsburg.

Betroffen ist der B2C-Bereich

Einigkeit herrscht darüber, dass Ingenieure eigentlich gute und haltbare Produkte konstruieren wollen. Betroffen von einer „geplanten Obsoleszenz“ sei praktisch ausschließlich der B2C-Bereich, also Massenprodukte für Consumer, bei denen man im Normalfall nicht das tiefe technische Verständnis erwarten könne, beispielsweise für ein Hightech-Handy. Hochwertige Investitionsgüter, also der B2B-Bereich, wären davon eher nicht betroffen. Hier würde auf Langlebigkeit und Reparierbarkeit großer Wert gelegt. Da im B2B-Bereich meist auch Serviceleistungen seitens der Hersteller von Maschinen und Anlagen angeboten würden, wäre es schließlich in deren eigenem Interesse, dass sich ihre Produkte schnell und einfach reparieren ließen. Was ist zu tun, damit bessere Produkte auf den Massenmarkt kommen? „Es gilt nicht die Produktkosten, sondern die Funktionskosten hervorzuheben!“ Eine spannende Idee.

Herr Prof. Hörmann, das griffigste Beispiel zum Thema Obsoleszenz ist die Glühbirne der Feuerwache im US-amerikanischen Livermore, die seit 1902 ununterbrochen brennt. Hersteller von Glühbirnen hatten, so las ich es bei meinen Recherchen zum Thema, bereits 1942 ein Kartell gebildet und sich auf 1.000 Stunden Lebensdauer für Glühbirnen geeinigt…

Prof. Dr.-Ing. Florian Hörmann: Ja, das ist wohl das bekannteste Kartell, das wir oft in den Medien antreffen und bei dem es schon früh zu der gezielten Verschwendung von Ressourcen in Form von Rohstoffen und Arbeitskraft gekommen ist. Die heutige Tragweite, die mit dem geplanten Verschleiß verbunden ist, ist nach Professor Kreiß milliardenschwer und in nahezu allen Bereichen anzutreffen. Sei es in der Modebranche, der Unterhaltungsbranche, der Autoindustrie oder in Haushaltsgeräten, die unsere Studiengruppe intensiv untersucht hat. Es gibt, wie auch in anderen Bereichen, immer ein paar Aktive, die Missstände aufzeigen. Hier möchte ich einige Vordenker nennen, die das Thema schon seit einiger Zeit im Fokus haben: Zu den Namhaftesten aus dem deutschsprachigen Raum zählen: Sepp Eisenriegler aus Österreich, Stefan Schridde aus Berlin, Professor Dr. Wolfgang M. Heckl aus München und natürlich – hier mit am Tisch – Professor Christian Kreiß aus Aalen. Auch wir, mein Kollege Helmut Wieser und ich, werden in der Zukunft auf dieses Thema verstärkt Wert legen, um den Studentinnen und Studenten bereits im Studium für diese Thematik die Augen zu öffnen – und damit für den wirtschaftlichen Schaden durch geplante Obsoleszenz für unsere Marktwirtschaft. In den maschinenbautechnischen Fächern werden unsere Studierenden ausgebildet, um hochwertige Produkte zu konstruieren, auszulegen und herzustellen. Insbesondere Ingenieure können hier einen entscheidenden Faktor leisten. Voraussetzung hierfür ist aber das Wissen um die Problematik.

Herr Professor Kreiß, Sie betrachten eher die wirtschaftlichen Auswirkungen, also den Schaden durch zu früh kaputt gehende Technik für unsere Wirtschaft.

Prof. Dr. Christian Kreiss: Richtig, denn dadurch kommt es zu sinnloser Mehrarbeit. Löcher ausheben und wieder zuschütten bringt ebenso wenig wie Kohleschaufler auf Elektroloks oder Produkte mit künstlich verkürzter Lebensdauer. Wenn wir „geplanten Verschleiß“ – lassen Sie es mich so formulieren – einstellen könnten, hätte jeder Erwerbstätige etwa 3 Wochen bezahlten Urlaub mehr pro Jahr ohne ein einziges Produkt oder eine einzige Dienstleistung weniger! Diese drei Wochen Arbeit sind ein Schaden für uns alle, von der Umwelt und der Energieverschwendung ganz zu schweigen.

Herr Professor Wieser, wir sehen, dass Kosten und Zeit ein Treiber für diese negative Entwicklung sind. Wer kann dem entgegenwirken?

Prof. Dr. Mont. Helmut Wieser: Ich denke, dass der Staat den stärksten Hebel in der Hand hat über die Festlegung der Gewährleistungszeiten. In Deutschland gelten 2 Jahre, wobei die Beweispflicht, dass das Produkt aufgrund herstellungsbedingter Mängel kaputt gegangen ist, nach nur einem halben Jahr beim Kunden liegt. Das zu beweisen ist schwer bis unmöglich. Es gilt eine „echte“ Gewährleistungszeit festzulegen. In vielen skandinavischen Ländern gelten schon heute 5 Jahre Gewährleistungspflicht!

Ein Kollege von Ihnen, der Generaldirektor des Deutschen Museums in München, Prof. Dr. Wolfgang M. Heckl, ist ein Verfechter davon, dass man alles reparieren können müsse. Ist das, was wir derzeit erleben, nicht das genaue Gegenteil?

Prof. Dr.-Ing. Florian Hörmann: Das Stichwort Wegwerfgesellschaft kennen wir ja eigentlich bereits aus der Grundschule. Etwas aktiv dagegen zu tun liegt in der Verantwortung jedes einzelnen. Nur noch Produkte zu erwerben, die sich durch besondere Langlebigkeit auszeichnen und/oder reparieren lassen ist sicherlich ein ganz wichtiger Hebel, den wir Kunden besitzen.

Der Preis diktiert ja sehr oft, was Kunden kaufen und auch die emotionale Werbung...

Prof. Dr. Christian Kreiss: Ja, denn eine Spielart von geplanter Obsoleszenz ist die psychologische Obsoleszenz. Bekanntestes Beispiel dafür ist die Modebranche: Man wirft ältere, voll funktionsfähige Kleidung weg, weil sie nicht mehr chic ist. Dieses Grundprinzip versucht man, auf andere Lebens- und Produktbereiche zu übertragen, beispielsweise auf Autos, Smartphones, Ski und so weiter. Sogar Rasierapparate und Mixer versucht man veraltet aussehen zu lassen. Es funktioniert ziemlich gut. Jeder von uns nimmt pro Tag 3.000 bis 13.000 Werbebotschaften auf, ab dem 2. Lebensjahr! Dann sagen die Hersteller: wir erfüllen doch nur die Wünsche der Kunden, die immer das Neueste, Hippste, Coolste wollen. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, irreführend.

Prof. Dr. Mont. Helmut Wieser: Es geht darum Kunden zu sensibilisieren. Bei den Biolebensmitteln ist das schließlich auch gelungen. Da fragten sich die Kunden plötzlich: „Wie gesund ist mein Essen?“

Herr Professor Hörmann, Herr Professor Wieser, in Ihren Studiengängen untersuchten die Studierenden Consumer-Produkte auf „geplante Obsoleszenz“, also darauf, ob es da eingebaute Schwachstellen gibt. Gibt es die?

Prof. Dr.-Ing. Florian Hörmann/ PROF. DR. MONT. HELMUT

WIESER: Unsere Studenten haben Handrührgeräte und einen Wasserkocher untersucht und stellten fest, dass oftmals viele hochwertige Komponenten in den Geräten verbaut wurden und nur ein „billiger“ Kippschalter beziehungsweise ein einfaches Spritzgussteil regelmäßig brachen. Wäre beispielsweise ein Drehschalter nicht in mehr als drei Modellen über mindestens sechs Jahre verbaut, sondern durch hochertige Bauteile ersetzt worden, hätten wir viel mehr langlebigere Produkte! Man wirft hochwertige Geräte weg, nur weil ein, zwei Billig-Komponenten eingesetzt werden. In den Handrührgeräten wurden keine Getriebegehäuse verbaut mit dem Ergebnis, dass die Getriebe entsprechend schnell verschmutzen und verschleißen. Ein Getriebegehäuse bei einem Massenprodukt wäre ein Cent-Artikel. Die Lebensdauer würde um ein Vielfaches steigen.

Eigentlich müssen Maschinen nur steuerlich abgeschrieben sein und schon kann man in die neueste Technik investieren. Das heißt doch im Umkehrschluss, dass die Maschine nur noch die 3 bis 5 Jahre halten muss?

Prof. Dr. Christian Kreiss: Geplante Obsoleszenz existiert praktisch nur im B2C-Bereich, nicht bei B2B. Die Vorgehensweise funktioniert nur bei „Wissensasymmetrien“, wenn der Hersteller einen Wissensvorsprung hat, den er an den Abnehmer nicht weitergibt. Bei B2B stehen sich auf beiden Seiten Profis gegenüber. Professionellen Einkäufern kann man nicht so leicht etwas vormachen wie Konsumenten, die von der technischen Seite der Produkte im Normalfall keine Ahnung haben.

Herr Professor Wieser, gibt es Ihnen bekannte Beispiele von geplanter Obsoleszenz im Bereich des Maschinen- und Anlagenbaus?

Prof. Dr. Mont. Helmut Wieser: Grundsätzlich gilt: Je höher die Investitionssumme für eine Anlage oder Maschine, desto wichtiger werden Faktoren wie Langlebigkeit, Service- und Reparaturfähigkeit. Ich gehe also davon aus, dass der klassische Maschinen- und Anlagenbau nur wenig betroffen ist. Anders sieht es im Bereich der elektronischen Steuereinheiten aus. Wenn Sie heute die Steuereinheit einer alten Maschine – die mechanisch durchaus noch vollkommen funktionstüchtig ist – auf den aktuellen Stand bringen wollen, müssen Sie die Steuer- und Regeleinheit so tiefgreifend erneuern, dass es in vielen Fällen nicht mehr rentabel ist. Hier fehlt es oft an einfacheren Modernisierungskonzepten.

Welche Anreize müsste es aus Ihrer Sicht geben, damit die Hersteller von vornherein so konstruieren, dass ihre technischen Produkte reparierbar sind?

Prof. Dr. Mont. Helmut Wieser: Die Reparaturfähigkeit eines Produktes zu gewährleisten, ist heute aufgrund der Variantenvielfalt in erster Linie eine logistische Herausforderung. Die Bereitstellung von Ersatzteilen in unzähligen Varianten ist aufwändig, kostenintensiv und macht die Reparierfähigkeit von Produkten für den Hersteller unattraktiv. Deshalb konstruieren viele Hersteller ihre Produkte gleich so, dass sie erst gar nicht reparierbar sind. Lösungsansätze dafür sehe ich in einer Flexibilisierung der Fertigung (Beispiel Additive Fertigung), aber auch in einem konsequenten modularen Aufbau von Systemen sowie deren Standardisierung. Dies hilft auch den Unternehmen, durch höhere Stückzahlen Kosten in der Herstellung zu sparen.

Emotionale Werbung, Kosten- und Zeitdruck, Gewährleistungspflicht:

Welche positiven Anreize müsste man setzen, damit die Verbraucher – Herr Professor Kreiss nennt sie „Gebraucher“ – bessere Produkte kaufen?

Prof. Dr.-Ing. Florian Hörmann: Ich selbst war Konstruktionsleiter und habe beispielsweise die Zeitvorgaben für meine Konstrukteure gestrichen. Das war sehr erfolgreich und hat sich direkt positiv auf die Qualität ausgewirkt. Das Problem heute ist, dass die Produkte auf eine bestimmte Lebensdauer ausgelegt werden, um damit vermeintlich die Preise niedrig zu halten und Ressourcen zu schonen. Jedoch müssen aus gesellschaftlicher Sicht nicht nur die Herstellkosten berücksichtigt werden, sondern die Produkt-Lebenskosten mit allen Auswirkungen auf im Produktpreis nicht enthaltenen Kosten für Umweltschäden oder die Entsorgung mit dem meist problematischen Rohstoffen aus Elektronikschrott und auch Plastik. Darüber hinaus müssten die Produkt-Lebenskosten auf Funktionskosten erweitert werden.

Funktionskosten? Wie würden Sie das angehen?

Prof. Dr.-Ing. Florian Hörmann: Nehmen wir die Funktion „Handrühren“ aus unserem Beispiel der untersuchten Handrührgeräte: Wenn wir beispielsweise die Funktion Handrühren fast ein ganzes Leben lang benötigen, und hierfür drei bis fünf Produkte verschleißen, müssen wir die Produkt-Lebenskosten aller Produkte zusammenzählen, um die Funktion zu erfüllen. Bei einem ordentlich ausgelegten Gerät wäre nur eines notwendig. Aus dieser Betrachtung geht schnell hervor, dass die gegebenenfalls erhöhten Herstellkosten für ein sauber konstruiertes und hergestelltes Produkt für den Endverbraucher deutlich günstiger kommt, um die Funktion zu erfüllen. Als Anmerkung möchte ich noch hinzufügen, dass über die Lean-Methoden sich meist bis 50 Prozent der heutigen Fertigungskosten in deutschen Fertigungs- und Montagewerken innerhalb weniger Monate einsparen ließen.

Erik Schäfer

GEPLANTE OBSOLESZENZ - WARUM UNSERE PRODUKTE ZU FRÜH KAPUTT GEHEN

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© Michael

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